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Saturday, September 26, 2020

Autismus in der Schule

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Wie Jason seinem Mitschülern mitteilte, dass er Autist ist.

Kennt ihr diese rührselig-schönen und manchmal aber auch wirklich beängstigenden Stories von Vätern? Von Vätern, die versuchen, ihren Kindern liebevoll, verzweifelt oder unangebracht drängend das zu gönnen, was sie in der Kindheit an Erfahrung für wichtig erachteten. Vielleicht, weil sie der Meinung sind, dieses Kindheitserlebnis ist für die Entwicklung des eigenen Nachwuchses so essentiell, weil es bei einem selbst so prägend war oder zumindest intensiv haften geblieben ist. Oder es ist die frustbehaftete Retrospektive, was einem in der Kindheit alles so nicht gegönnt wurde.

Ich habe mein erstes Spiel als aktiver Fußballer 13-0 verloren. Es war das erste Jahr E-Jugend, ich wurde mehrfach ein- und wieder ausgewechselt und wir trugen keinen Rückennummern. Vermutlich hat der Sponsor nicht genügend springen lassen. Es reichte nur für die weißen Trikots mit schwarzen Ärmeln. Den Namen des Sponsors hatte ich vergessen, aber ich erinnere mich, dass wir unsere Hosen und Stutzen selbst mitzubringen hatten. Die Farbdisziplin bei der Hosenwahl ließ zu wünschen übrig. Ich trug immer eine blaue Hose, manche eine weiße, einer sogar eine rote, aber die meisten trugen wie vom Trainer gewünscht eine schwarze Hose. Aber alle trugen schwarze Schuhe. Es gab nicht einmal andersfarbige zu kaufen, meine ich mich erinnern zu können. Die taktischen Anweisungen, die ich damals vom Trainer erhielt, kamen und kämen noch heute meiner spieltaktischen Auffassungsgabe zu Gute.

„Mirco, geh nach vorne!“

Manchmal auch:

„Mirco, geh nach hinten!“

Wir haben so dermaßen einen auf den Arsch bekommen, aber ich habe es gar nicht gerafft. Mir war zwar klar, dass wir verlieren, aber dieses Maß an Deutlichkeit, welches glücklicherweise auch nie wieder eine Wiederholung erfuhr, wurde überdeckt von diesem Rauschgefühl, ein Trikot zu tragen, Fußballschuhe an den Füßen zu spüren und einem Ball hinterherlaufen zu dürfen. Ich werde dieses Spiel nie vergessen. Ziemlich genau ein Jahr später war es erneut der Serienauftakt der E-Jugend. Nun gehörte ich zum älteren Jahrgang der E-Jugend und wir spielten ein Turnier im Nachbardorf.

Eine nur mäßig erfolgreiche Saison lag hinter uns und insbesondere hinter mir. Wir verloren nahezu jedes Spiel und ich wurde immer mal gelegentlich eingewechselt. Einigen „Martin, geh nach vorne“ oder eben nach hinten folgte irgendwann ein „Martin, lauf einfach dem Ball hinterher“. Im Rückblick befürchte ich, dass dies nicht meiner enormen läuferischen Stärke zu verdanken, sondern eher meiner mangelnden Nützlichkeit im jeweiligen Spielfeldbereich geschuldet war. Wir spielten fünf Spiele, gewannen das Turnier und ich erzielte sieben von neun Toren. Ein Youtube-Video meines Torjubels nach dem ersten Treffer hätte sicherlich zwanzig Quadrilliarden Aufrufe. Die Menge fing mich glücklicherweise und auch die Metallbarrieren rund um den Platz erfüllten ihren Zweck, mich zu stoppen. Das erste Tor. Ich werde dieses Spiel nie vergessen. Es folgten unzählig viele Spiele. Von der E-Jugend bis zur ersten Seniorensaison verpasste ich nahezu kein Spiel. Ich liebte alles an diesem Sport. Das Brennen am von Grätschen geschundenen Oberschenkel unter der versifften, natürlich immer kalten und meistens nur tröpfelnden Dusche der mit Maulwurfshügeln übersäten Geläufe der Kreisliga, das Gezeter der Rentner-Ecke, die vor fünfzig Jahren den Ball natürlich per Flugkopfball noch von der Linie gekratzt hätten und die sowieso alles viel filigraner, männlicher, eben einfach besser gelöst hätten, als es noch barfuß gegen Eisenkugeln ging. Das Klacken der Stollen, wenn du vom urin-eitrig-gelben PVC-Boden auf den würg-karamellfarbigen Fliesenboden geschritten bist, der Duft aus der viel zu engen Kabine, dieses Gemisch aus Fußschweiß, Mentholsalbe oder Pferdesalbe und – spätestens wenn du für die Reserve ranmusstest – auch aus schalem Bieratem. Und natürlich liebte und lebte ich für diese kurze, aber sehr intensive Befriedigung, wenn eine Aktion gelungen, ein schwieriger Pass angekommen oder eine gute Idee zu einem Tor geführt hat. Ich liebte das Spiel. Alles Momente des Glücks, bei denen es mir bescheuerterweise wichtig war, dass sie auch dem Sohn zuteil werden. Also meldeten wir ihn beim örtlichen Jugendfußballverein an.

Jasons erstes Spiel beinhaltete drei Ballberührungen, sie verloren 0-4. Beim ersten Tor Gegentor schaut er den eigenen Torwart verächtlich an, beim zweiten schüttelte er nur noch den Kopf und grinste ihn an. Beim dritten Tor sagte er ihm er wäre eine Flasche. Jason bekleidete anscheinend keine Position oder der Trainer hat ihn angewiesen immer konkret dahin zu laufen wo vor zehn Sekunden der Ball war. Ich kann nachvollziehen, dass es ihm keinen Spaß machte. Und dann war ja auch immer noch diese Sache mit dem Kreis. Ich habe ihn damals nach dem Spiel interviewt und ihm eine Aufzeichnung in eine Kiste gepackt in der ich die ein oder andere Erinnerung für ihn sammele. Er hat dieses Spiel schnell vergessen aber ich hoffe er freut sich irgendwann das Interview zu hören. Er wird herzhaft lachen.

Wir mussten also früh umschwenken – vom Fußball spielen zum Fußball schauen – und konzentrierten uns bekanntermaßen auf den Livesport im Stadion. Im TV schauen wir Fußball selten und während alle anderen Jungs im Fußballverein sind, bat mich Jason, keineswegs einen erneuten Versuch zu starten, ihn via Fußballvereinssport mit KINDERN! „ in die Gesellschaft zu integrieren“. Es ist spannend, denn wenn er sich in einer Situation zu einer konträren Position zur zu allgemeingültigen, gesellschaftlichen Normen bewegt oder es zumindest so empfindet, dann zeigt es mir, wie vielen unnötigen Drucksituationen wir ihn ausgesetzt haben.

Er möchte eben keine Gruppenarbeiten in der Schule machen und dass er es nun auch nicht mehr muss, ist nicht dem Durchsetzungswillen eines bockigen Zehnjährigen geschuldet, sondern er kann es wirklich nicht und wir bewegen uns dort auch in einem Bereich, wo es der Regelschule nicht möglich ist, begleitende Maßnahmen zu unterstützen, die eine vollständige Integration, sofern sie machbar ist, ermöglichen würden. Heute muss er in Deutsch ein Märchen schreiben. Es wird wohl seine schlechteste Note in diesem Jahr werden. (“Ich schreibe nichts über so einen unrealistischen Mist). Er möchte einen autobiographischen Text über Galileo Galilei schreiben, der darlegt wie unrealistisch das Märchen Sterntaler ist.

Der Sohn zeigt momentan an allen Fronten klare Kante. Er hat seine persönlichen Bemühungen der letzten Jahre sachlich analysiert und ist zu dem Entschluss gekommen, dass er keinerlei Freunde haben möchte. Zumindest keine im Kindesalter. „Kumpel so wie der Ralph und der Sammy sind in Ordnung“, sagte er neulich im Podcast. Es ist schwierig für uns als Eltern, denn er vertritt seinen Standpunkt sachlich, logisch und mit einer Inbrunst und Überzeugungskraft, dass wir seinem Wunsch nachkommen möchten. Auch auf die Gefahr hin, dass das tatsächliche Problem nicht der fehlende Wille zu einer freundschaftlichen Beziehung zu Kindern ist. Unsere Herangehensweise ist vielleicht aus pädagogischer Sicht Unsinn und es wäre nicht das erste Mal, wenn Fachkräfte für unser unkonventionelles Handeln nur ein müdes Lächeln oder Unverständnis aufbringen. Wir sind nicht nur gesetzlich dazu verpflichtet, einen erzieherischen Auftrag gegenüber unserem Sohn zu erfüllen. Die besten Erfahrungen haben wir allerdings damit gemacht, ihm Freiheit zu geben. Freiheit so zu sein, wie er ist. Das ist manchmal schmerzhaft für sein Umfeld, oft schmerzhaft für seine Mama und regelmäßig schmerzhaft für seine Schwester, aber es gibt ihm den Rückenwind die großen Ziele zu schaffen, die er sich setzt und nicht die Messlatten zu überschreiten die Mama, Papa und die Gesellschaft ihm vor die Nase halten. Meine Frau und meine Eltern machen das großartig. Während meine Eltern ihn immer mal wieder mit in den Urlaub nehmen, was für ihn wie ein Ventil zu wirken scheint, gibt ihm meine Frau im Alltag die Freiheit, die er braucht und schont sich selbst dabei wahrhaftig nicht. Je nachdem, in welcher Situation man ihn zu Hause über uns herrschen hört, könnte man auch schnell andere Eindrücke darüber gewinnen, wer daheim tatsächlich die Hosen anhat. Er ist konsequent, mutig, mittlerweile auch sehr aufgeschlossen, unfassbar ehrgeizig, clever, nervtötend und es gibt nur wenige Menschen, mit denen man sich so großartig amüsieren kann. Er kann ein so ekelhaftes Scheusal sein, dass ich mich ob meines Vaterversagens schäme und trotzdem muss man resümieren, dass der aktuelle Stand fantastisch ist. Ich weiß nicht mehr wo ich es erwähnte, aber es ist die Achterbahnfahrt unseres Lebens mit dem intensiven Drang einfach mal zwei oder drei Runden gemütlich im Kinderkarussell zu sitzen.

Meine Frau hat ein interdisziplinäres Treffen organisiert, in dem Jasons Therapeutin, seine Klassenlehrerin, Jason selbst und eben meine Frau die ersten Monate im Gymnasium haben Revue passieren lassen und konkrete Maßnahmen zusammen festlegten. Maßnahmen, an denen Jason aktiv mitwirkt, funktionieren unüberraschenderweise sehr gut. Verfahren wir ähnlich zu Hause im Rahmen unseres Regelwerks, passieren oft lustige Dinge, da auch wir im Umgang mit unserem Sohn erst Erfahrungen sammeln mussten. 

Wie gesagt: Gemeinsam getroffene Vereinbarungen funktionieren gut und so stand der junge Mann mit zehn Jahren in der vergangenen Woche im Sozialkundeunterricht vor seinen gesamten Klassenkameraden und hat ihnen erklärt, dass er behindert ist, dass er Asperger-Autist ist und was ihm aufgrund dieser Tatsache Schwierigkeiten bereitet. Er hat nicht um Verständnis gebeten oder konkret eingefordert, was seine Klassenkameraden zukünftig unterlassen sollen, er hat einfach nüchtern konstatiert, welche Situationen ihm unbehaglich sind, was er gar nicht mag, um aber dann natürlich auch ausführlich zu erklären, was er alles geiles kann oder was ihm leichter fällt. Das was er macht, wie er denkt, wie er handelt tut er nicht trotz oder wegen seines Autismus er tut dies mit seinem Autismus und als er stolz schilderte, wie er mit offenem Visier seine Defizite all seinen Mitschülern erklärt hat um mit dem Satz abzuschließen, dass derjenige ein Arschloch ist, wenn er oder sie das ausnutzt. Ich glaube, ich war nie stolzer auf meinen Sohn.

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