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Wednesday, April 8, 2020

Ludwigspark Saarbrücken

FC Saarbrücken-SpVgg Neckarelz, 16.05.2015

Die Liveauskunft zeigte für morgens nur noch eine Zugverbindung von Nancy nach Saarbrücken. Um 07:14 Uhr sollte der einzige Zug fahren, der uns in zwei Stunden mit Umstieg in Metz nach Saarbrücken bringen sollte. Nach dem besuch des französischen Zweitliga-Krachers sollte es uns heute in eines der schönsten Stadien Deutschlands führen. Der Ludwigspark in Saarbrücken.

Der Wecker klingelte gegen 06:15 Uhr ebenso laut, wie der Chef der Rebellen erstmals auch recht unentspannt losschimpfte. Normalerweise ist er diesbezüglich recht hartgesotten, aber der gestrige Tag hatte ihm sichtlich zugesetzt.

Gerade noch pünktlich am Gleis eingetroffen, erfuhren wir dann, dass es einen Ersatzzug gäbe, der uns nach Pont-a-Mousson bringen würde, denn ab da gibt es Schienenersatzverkehr bis Metz, was die Onlineabfrage vom Vorabend erklärte.

Mit der Gewissheit des zeitlichen Puffers von Stunden von der planmäßigen Ankunft bis zum Anpfiff in Saarbrücken sahen wir dies recht entspannt und auch nach unserer Ankunft in besagtem Dorf behielten wir gemeinsam mit den weiteren ca. 40 Passagieren die Ruhe, als der Herr vom Schienenverkehr-Empfangskomitee mitteilte, dass der Bus nicht kommen könne, sie sich aber bemühten einen anderen zu besorgen.

Nun ja, Ankunft in Metz war dann zumindest so spät, dass man relativ bündig den nächsten Zug Richtung Saarbrücken bekommen konnte. Jason amüsierte sich immer noch köstlich über den gestrigen Abend. Zukünftig werden Tickets grundsätzlich erbettelt, forderte er, um mir im Nachgang zu erklären, wie gut er das Problem eigentlich gelöst habe.

Zu zeitig in Saarbrücken angekommen nutzten wir die Zeit zur Erholung bei Kaffee und Kakao und einem ausgiebigem Frühstück. Jay-Jay studierte die Ausgangslage des vor uns liegenden Spieles sowie der ausstehenden Bundesligapaarungen des 33. Spieltages.

Pünktlich in einem der schönsten Stadien Deutschlands angekommen, genossen wir die pixelige Anzeigetafel der Achtziger, die völlig verrosteten Wellenbrecher, die von Gras und Wildblumen zugewucherten Stehtribünen, die köstlich würzigen Merguez-Frikadellen vom Metzger Schröder für lächerliche 2,60 €, die gespenstische Kulisse, die die Zuschauer erzeugten oder eben auch eher nicht. In dem riesigen Steinkessel, der jeglichen Hall und jegliche beeindruckende Support-Akustik zu verhindern wusste, fühlte sich Jay-Jay ebenfalls sichtlich wohl. Es fehlte nur noch ein wenig billiges Schimpfen auf den Schiedsrichter oder wenigstens ein wenig Häme für den Spieler X, der im Training schon eine faule Sau war und den man sofort verkaufen sollte, oder für den Spieler Y, der als Treter bekannt ist und dem man deswegen schon beim ersten völlig fairen Zweikampf als unfaires Schwein betiteln kann. Dann wären wir zwei wirklich stinknormale Fußballzuschauer gewesen.

Insgesamt tut es mir mittlerweile fast leid, dass die letzten Blogposts nicht sonderlich amüsant zu lesen waren. Die Entwicklung des Sohnes ist wahnsinnig gut. Ich kann nicht von Urin-Geschichten und demütigenden Momenten für mich berichten, die viele vielleicht erheiternd fanden. Es passiert kaum noch etwas Schreibenswertes.

Für mich persönlich war dies mit Abstand eine der besten Touren. Es war so normal, fast langweilig. Wenn die Ticketaufregung nicht gewesen wäre, käme es einem herrlich normalen Vater-Sohn-Ausflug gleich. Es fällt mir schwer zu beschreiben, was das für mich bedeutet. Zu Hause ist seit Wochen kaum eine Stunde ohne Eskalation oder intensives Kümmern möglich. Jason ist weiterhin nicht in der Lage, sich alleine zu beschäftigen. Er braucht mit Eintritt in die Tür, nach Rückkehr aus der Schule, keine fünf Minuten, um in Stimmung zu geraten. Danach sind die Wege klar vorgegeben. Meine Frau beschäftigt sich mit ihm und spielt mit ihm, puzzelt oder malt und sie hat dann einigermaßen Ruhe. Vielleicht hat sie aber noch etwas zu erledigen, vielleicht ist sie noch am Kochen oder kümmert sich im Keller kurz um die Wäsche. Dann eskaliert es schon. Er provoziert dann meistens seine Schwester. Er nimmt ihr etwas weg, was sie gerade hat, oder stört sie bei dem, was sie gerade tut. Innerhalb von Sekunden schreit mindestens einer von beiden. Sie, weil sie sich gestört fühlt, oder er, weil er von ihr mit irgendeinem Spielzeug eins übergebraten bekommen hat.

Wenn wir unterwegs sind, ist er friedlich, freundlich, manchmal sogar zuvorkommend und etwas, was man in unserem Paradigma vielleicht sogar als höflich auslegen könnte. Er provoziert nicht, er lacht viel und herzhaft, er beschäftigt sich selbst, indem er schreibt oder Briefe beantwortet, Statistiken studiert, Tabellenstände analysiert oder mich mit abgefahrenen Fragen löchert.

„Was machen die denn mit der Uhr, falls der HSV absteigt. Die schmeißen die nicht weg, oder?“

„Warum hat nicht einfach ein Bayern-Spieler Messi die Beine gebrochen?“

„Warum nimmt Aalen nicht einfach einen Kredit auf und kauft sich die besten Spieler?“

Wenn man den gleichen Knilch nach der Rückkehr zu Hause in Aktion erleben würde, ginge man davon aus, es handele sich um eine andere Person. Ich genieße dies in vollen Zügen, schäme mich dann aber auch immer ein wenig, wenn ich meiner Frau von seinem Verhalten berichte. So hat sie ihn nur im Urlaub erlebt und das ist schon wieder sechs Wochen her. Sie unterscheidet gute Tage von schlechten Tagen anhand der Anzahl von Eskalationen und Ausrastern.

Sie kennt hauptsächlich den völlig rüden Umgang von Jason und ist desillusioniert, was unsere ursprüngliche Erziehungsstrategie angeht. Wir waren schon früh nach der damaligen Diagnose und auch ohne irgendein Ärzteurteil überzeugt: Wenn du genügend Liebe in das Kind investierst, dann kommt da auch genügend Liebe wieder raus. Kommt es vielleicht ja auch. Aber es tritt oftmals auf eine sehr ruppige, oft respektlose und teils verachtend wirkende Art zu Tage.

Man muss wissen, dass meine Frau vielleicht auch nicht ganz Pegida-konform aufgewachsen und erzogen worden ist. Mit dreizehn durfte sie nicht mehr schwimmen gehen, sie war schließlich auf dem Weg vom Kind zur Frau und dass sie nicht nur gerne, sondern auch außergewöhnlich gut kicken konnte, spielte auch keine sonderlich große Rolle. Papa hatte es verboten, also gehorchte sie. Es ist nicht so, dass ich meine Eltern nicht respektiere, aber bei meiner Frau ist dies vielleicht noch eine Spur konsequenter umgesetzt. Da wurde nicht diskutiert, Für und Wider abgewogen und sich auf einen Kompromiss geeinigt. Das, was die Eltern sagten, war Gesetz. Ob man das dann gut fand oder nicht, stand auf einem anderem Blatt Papier. Für sie ist es am schlimmsten, da sie nicht das Echo bekommt, welches sie als liebevolle und aufopfernde Mama von ihrem Sohn verdient hätte.

Zumindest ist es uns noch nicht gelungen, das Echo in unsere Wahrnehmungssprache zu übersetzen. Vielleicht ist dies zusammengefasst das größte Problem. Nicht ihm mangelt es an Empathie, sondern uns.

Daher ist es wirklich großartig, wenn wir unterwegs sind. Ich mache es mir da sehr einfach. Ich genieße es einfach und schöpfe aus seinem Verhalten Kraft. Neulich in Hamburg gab er sogar jemandem die Hand. Einfach so. Immerhin schon das zweite Mal in seinem Leben. Als wäre es das Normalste der Welt. Es hat nicht zur dauerhaften Einführung einer Begrüßung gelangt, aber es ist ein Schritt. Und selbst wenn er keiner Menschenseele mehr in seinem Leben die Hand geben würde: Sein Verhalten „on tour“, nur ein klein wenig in den Alltag hinüberretten, das wäre wunderbar und würde uns alle zu noch glücklichererererereren Menschen machen.

Links:

Zu den geplanten Umbaumaßnahmen des Ludwigsparks hat Blauschwarzblogging geschrieben. Wir hätten uns mit dem Besuch wohl doch mehr Zeit lassen können. Der neue Ludwigspark.

Die Julia sbruecken hat das sehr ernste Anliegen der Wochenendrebellen zum Anlass genommen und eine Petition zum Erhalt der Anzeigetafel gestartet. Der gigantische Zulauf hat dann nicht nur Julia überrascht. Zur Petition.

Das FCSBlog 2.0 schwört Saarbrücken auf die bevorstehenden Relegationsspiele ein.

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