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Friday, June 5, 2020

Bedroht der Meeresspiegelanstieg Tuvalu und Kiribati?

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Die pazifischen Inselstaaten sind längst zu Symbolen der Klimakatastrophe geworden – der Meeresspiegelanstieg lasse vor allem Tuvalu und Kiribati im Meer versinken. Doch in letzter Zeit gibt es auch vermehrt Berichte, dies stimme nicht. Wie ist es denn nun, versinken Tuvalu und Kiribati im Meer oder handelt es sich doch um Unwahrheiten für den guten Zweck?

Viele undifferenzierte Betrachtungen

Leider lässt sich darauf keine einfache Antwort geben. Die meisten Berichte über den Meeresspiegelanstieg sind recht undifferenziert. So gibt es etwa Schlagzeilen wie:

“Ein Staat geht unter: Tuvalu versinkt im Meer”

Das stimmt so in der Form nicht, zumindest nicht aktuell. Genauso falsch sind aber Berichte wie:

“Inseln: Tuvalu geht nicht unter – im Gegenteil”

Die Inseltstaaten sind sehr wohl durch den Meersspiegelanstieg gefährdet, akut vor dem Untergang sind sie jedoch noch nicht bedroht. Ich erkläre das hier einmal näher.

Wieso steigen die Pegel?

Erstmal, wieso sollten Instelstaaten überhaupt im Meer versinken? Der Grund dafür ist die menschengemachte globale Erwärmung, die durch den massenhaften Ausstoß von Treibhausgasen bedingt ist. Besonders stark erwärmt sich die Erde dabei an den Polen.

Derzeit befinden wir uns in einem Eiszeitalter, das bedeutet, dass die Pole der Erde vergletschert sind. Sehr viel Wasser lagert dort also in gefrorener Form. Schmilzt es durch die globale Erwärmung, steigt der Meeresspiegel. Zwar gibt es Menschen, die behaupten, der Meeresspiegel müsste sogar sinken, da das Eis im Wasser schwimmt und somit weniger Platz einnimmt, wenn es schmilzt.

Das ist jedoch Unsinn, denn es gilt nur für die Arktis, die besteht tatsächlich zum Großteil aus schwimmenden Eisschollen. Schmelzen diese, wirkt sich das sogar direkt negativ auf den Meeresspiegel aus. Doch der absolute Großteil des Eises befindet sich auf Festland, etwa in der Antarktis, Grönland, Kanada oder Russland.

Schmilzt dieses Eis, kommt die darunter liegenden kontinentale Kruste zum Vorschein, diese absorbiert natürlich deutlich mehr Sonnenlicht als das helle Eis und wandelt es in Wärme um, wodurch noch mehr Eis schmilzt.

Selbst das Schmelzen des arktischen Eises lässt den Meeresspiegel auf diese Weise indirekt steigen, denn das dunkle Meer absorbiert natürlich auch mehr Sonnenlicht als das Eis. Kommt also das Meer zum Vorschein, erwärmt sich diese Region. Diese Wärme lässt dann auch das Eis in anderen Regionen, etwa der Antarktis, schmelzen.

Zudem erwärmen sich auch die Ozeane selbst, wodurch sich das Wasser ausdehnt. Der Meersspiegelanstieg an sich ist also – Vorsicht, Wortspiel – in trockenen Tüchern.

Er lässt sich natürlich auch messen, seit 1901 betrug er etwa 19 Zentimeter, je nach Region etwas stärker oder etwas schwächer. Pro Jahr steigt der Meeresspiegel um einige Millimeter, 2018 waren es zuletzt 3,7 Millimeter – ein Rekordwert. Der Meeresspiegelanstieg beschleunigt sich also meist sogar von Jahr zu Jahr.

Wieso die Südseestaaten?

Nun rücken vor allem Südseestaaten in den Vordergrund, wenn es um die Bedrohung durch den Meeresspiegelanstieg geht. Die meisten davon liegen in Ozeanien, das ist die Inselwelt im Pazifischen Ozean noch östlich von Australien – der Osten ist dort fast schon wieder Westen, in Samoa etwa kann man den ersten Sonnenaufgang jedes neuen Jahres bestaunen.

Insgesamt wirken uns diese Staaten meist sehr fremd und fern, viele dürfen wohl nicht wissen, dass Namen wie Nauru, Palau und Mikronesien echte Ländernamen sind. Lediglich wenn es um die Klimakrise geht, rücken diese Staaten hin und wieder in den Fokus.

Das liegt daran, dass die meisten Inselstaaten Teil des sogenannten zirkumpazifischen Feuerrings sind. Das ist eine Art Gürtel, an dessen Rändern meist mehrere Erdplatten aufeinander treffen, was zu extrem starker vulkanischer Aktivität führt – mindestens zwei Drittel der in der letzten Zeit ausgebrochenen Vulkane befinden sich dort.

Bei einem Großteil der Inseln handelt es sich daher um unterseeische Vulkane, die nur wenige Meter aus dem Meer hinausragen. Dennoch leben inzwischen recht viele Menschen auf diesen Inseln.

  Einwohnerzahl Höhe über dem Meeresspiegel
Malé 142.909 1 m
Nukuʻalofa 35.200 3,05 m
Apia 36.735 2 m
Majuro 27.797 3 m
Vaiaku 682 0-1 m
South Tarawa 56.388 3 m
Castries 3.661 2 m
Bridgetown 110.000 1 m

Gleichzeitig sind viele Staaten Ozeaniens extrem wirtschaftsschwach, die sechs Länder mit den geringsten Bruttoinlandsprodukten der Erde liegen alle in Ozeanien – Tuvalu hat beispielsweise nur ein Bruttoinlandsprodukt von 42 Millionen US-Dollar, das ist die kleinste Volkswirtschaft der Welt.

Aus diesen Gründen können sich diese Staaten kaum vorbeugende Maßnahmen für Küstenschutz oder Landgewinnung leisten. Während wir in Europa Deiche bauen, Wasser abpumpen und über Dämme zur Abgrenzung der Nordsee vom Atlantik sprechen, ist man dort den Gewalten der Natur mehr oder weniger schutzlos ausgeliefert.

Zudem fällt der Meeresspiegelanstieg im Pazifik deutlich stärker aus als in anderen Ozeanen, stellenweise viermal stärker als im weltweiten Durchschnitt, etwa 1,2 Zentimeter pro Jahr sind es dort. Schließlich sind die Ozeane so groß, dass sich Wasser nicht wie in einem Glas überall gleich ausbreitet, durch Meeresströmungen ergeben sich regionale Unterschiede.

Der Eisbär des Südens

Aus diesen Gründen sind die Staaten Ozeaniens besonders betroffen vom Meeresspiegelanstieg, so heißt es zumindest. Bei vielen Klimakonferenzen sind die Staatsoperhäupter der Inselstaaten anwesend und werfen den Industriestaaten vor, ihre Länder würden nicht nur unter den Folgen der Klimakrise leiden, sondern ihnen sogar gänzlich zum Opfer fallen.

Das hat sich längst im kollektiven Gedächtnis festgebrannt, die Inselstaaten wurden zum Symbol für die Umweltzerstörung, vergleichbar mit Eisbären, Gorleben oder dem Hambacher Forst. Nirgends scheint man dem Ende der Welt näher zu sein als dort, wo es jedes Jahr ein wenig näher an dein Haus kommt. Jeder kennt wohl kindische Namenswitze über die Fidschi-Inseln bezüglich ihres baldigen Untergangs. Doch stimmt das nun oder ist es nur Panikmache, wie viele behaupten?

Erhebliche regionale Unterschiede

In Tuvalu ist der Meeresspiegel zwischen 1971 und 2014 um durchschnittlich vier Millimeter pro Jahr gestiegen, das zeigen Aufnahmen aus der Luft und dem Weltraum. Tatsächlich ist die Fläche des Inselstaates insgesamt aber um fast drei Prozent gewachsen. Die Küstenverläufe haben sich stark verändert, aber unterm Strich wurde Land gewonnen.

Der Grund dafür ist paradoxer Weise zum Teil die Klimakatastrophe. So wurden zahlreiche Korallen getötet, vor allem durch Stürme, die durch die Klimakatastrophe häufiger wurden. Ihre Ablagerungen wurden dann von Wellen an Land gespült.

Wenn dann tatsächlich mal Land unter war und Flächen für längere Zeit von Wasser bedeckt waren, lagerten sich natürlich auch dort Sedimente ab. Abgetragener Sand wurde also irgendwo anders wieder drangespült. Die Inseln haben dadurch ihr Gesicht verändert, sind jedoch insgesamt gewachsen.

Als diese Studie von Paul Kench der University of Auckland erschien, stürzten sich natürlich die Klimaleugner nur so darauf. Sie feierten ihn und seine Ergebnisse als wissenschaftliche Einräumung, dass die “Hysterie” um die Klimakrise unbegründet ist – ungewollt, in seiner Arbeit zweifelt Kench natürlich nicht an der menschengemachten Klimakatastrophe, ganz im Gegenteil.

Zahlreiche Inseln bereits versunken

Denn trotz des Wachstums durch Sedimente steigt der Meeresspiegel nun mal und daher ist auch bereits eine Insel Tuvalus gänzlich im Meer versunken. Ganze 27 Inseln Tuvalus sind erheblich geschrumpft, teils um über die Hälfte. So werden Menschen dennoch ihre Heimat verlassen müssen, denn diese Inseln werden in Zukunft vermutlich weiter schrumpfen und im Meer versinken.

Tuvalu als ganzer Inselstaat wird also vorerst nicht von der Landkarte verschwinden, eine Insel jedoch ist es schon und zahlreiche andere werden folgen. Daher werden die Tuvaluer ihr Leben verändern müssen, bisher bewohnen sie überwiegend zwei Atolle. In Zukunft werden jedoch auch mittelgroße Eilande besiedelt werden müssen, denn diese sind insgesamt noch die stabilsten.

Es wird also staatlich organisierte Umsiedlungsaktionen geben müssen – und das in einer Nation, deren größer Exportschlager das Länderkennzeichen “TV” fürs Fernsehen ist.

Kiribati besonders betroffen

Deutlich schlimmer ist die Situation allerdings in Kiribati, hier geht man tatsächlich davon aus, dass der gesamte Inselstaat von der Landkarte verschwinden wird – kein Staat der Erde ist heftiger vom Meeresspiegelanstieg betroffen. Und so ist es die primäre Aufgabe des Präsidenten von Kiribati, den Untergang seines Landes vorzubereiten.

Zahlreiche Inseln in Kiribati sind bereits versunken, so koordiniert die kiribatische Regierung derzeit die Evakuierung. Während Tuvalu vermutlich auch 2100 noch besteht, wird Kiribati wohl bis 2050 weitgehend unbewohnbar und bis 2070 gänzlich versunken sein. Das ergeben Berechnungen der Weltbank.

Dabei ist Kiribati schon jetzt extrem überbevölkert, die Menschen entnehmen Sand zum Bauen, durch einen Damm wurde eine Meeresströmung umgeleitet, die zum Untergang einer Insel führte und die Klimakrise sorgt gleichzeitig für Wassermangel, extreme Dürren und kaum nutzbares Grundwasser.

Erste Umsiedlungen geplant

Noch hat Kiribati Zeit, die Vorstellungen, dass Inseln rasch versinken und schon morgen unter Wasser stehen, sind falsch. Dennoch wird es eine Umsiedlung geben, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat und das benötigt ausreichend Vorlaufzeit. Sollten Menschen tatsächlich obdachlos werden, wäre das an Tragik wohl kaum zu überbieten.

So sollen pro Jahr etwa 100 Menschen aus Kiribati nach Neuseeland umziehen – als erste Klimaflüchtlinge. Neuseeland erklärte sich zur Aufnahme einer kleinen Quote bereit. Gleichzeitig wurde ein Landstück der benachbarten Fidschi-Inseln gekauft.

Im absoluten Notfall könnten alle 110.000 Einwohner Kiribatis dorthin umgesiedelt werden, mit dem Anbau von Gemüse für die künftigen Flüchtlinge wurde schon begonnen, die dortigen Einwohner wurden auf das Wilkommenheißen der neuen Bürger vorbereitet.

Dennoch kann man nur hoffen, dass die westlichen Industriestaaten sich ihrer Verantwortung in Anbetracht ihres kolossalen Scheiterns bei der Bewältigung der Klimakrise bewusst werden und daher Menschen aus Kiribati aufnehmen. Würden alle Einwohner Kiribatis auf das gekaufte Land ziehen, käme es dort zu katastrophalen Zuständen.

Kritisch ab einem Meter Meeresspiegelanstieg

Insgesamt sieht dennoch auf die nächsten Jahrzehnte betrachtet alles noch weniger schlimm aus als erwartet. Ja, Inseln sind versunken und noch mehr werden versinken, Kiribati wird vermutlich ganz verschwinden, doch der Großteil der Inseln wird bestehen bleiben oder sogar wachsen. Sollte sich das schlimmste Szenario des Weltklimarates bewahrheiten, könnte es aber selbst für Tuvalu und andere Länder kritisch werden.

Wie genau der Meeresspiegel weiter ansteigt, ist unsicher. Wie bereits oben erwähnt, beruht der Anstieg jedoch auf sich selbst verstärkenden Prozessen: Eis schmilzt, das darunter liegende Meer kommt zum Vorschein, es absorbiert mehr Licht, wärmt sich auf und noch mehr Eis schmilzt.

Aufgrund dieser sich selbst verstärkenden Kettenreaktion erwartet man, dass sich der Meeresspiegelanstieg nicht nur fortsetzt, sondern auch weiter beschleunigt. Doch wie stark genau, das ist von so vielen Faktoren abhängig, dass man es kaum sinnvoll vorhersagen kann. Klar ist aber, dass es mehr als ein viertel Meter bis 2100 sein wird.

Im extremsten Szenario beschleunigt sich der Meeresspiegelanstieg jedoch vor allem im letzten Jahrzehnt des 21.Jahrhunderts so stark, dass er 2100 bereits bei einem vollen Meter oder sogar 1,2 Metern angelangt ist. Laut einer anderen Studie aus dem Jahr 2015 wird dies sogar schon 2050 erreicht sein, dann ginge alles deutlich schneller, 2100 wären eventuell bereits 2,38 Meter erreicht.

Wir können also eine Untergrenze, aber keine Obergrenze angeben, vermutlich liegt der Meeresspiegelanstieg im Jahre 2100 zwischen 0,3 und 1,2 Metern. Das bedeutet, dass in jedem Fall weitere Inseln sinken werden, doch der genaue Anstieg entscheidet, wie viele.

Ab etwa einem Meter Anstieg könnte es für die Staaten Malediven, Marshall-Inseln und Tuvalu eng werden, denn dann könnten jene Prozesse, welche die Atolle noch schützen und erneuern, zusammenbrechen.

Eher ein wann, als ein ob

Aber auch deren Tage werden früher oder später gezählt sein, denn nur weil unsere aktuellen Prognosen im Jahr 2100 enden, tut es der Meeresspiegelanstieg nicht. Vermutlich haben wir bereits bei dem einen Grad Celsius Erderwärmung, das wir schon verursacht haben, Prozesse in Gang gesetzt, die sich selbst verstärken (wie auch der Meeresspiegelanstieg selbst).

So wurde etwa in den letzten Jahren eine Instabilität des westantarktischen Eisschildes beobachtet. Sollte er kollabieren und das darunterliegende Grün zum Vorschein kommen, dann wird es nur durch das dortige Schmelzwasser einen Meeresspiegelanstieg von drei Metern geben. Und selbst wenn wir es schaffen, die Erderwärmung auf drei Grad Celsius zu begrenzen, was ich aktuell schon für optimistisch halte, werden Kettenreaktionen den Meeresspiegel langsam, aber sicher um fünf Meter erhöhen.

Sollten wir zudem weiterhin fossile Brennstoffe nutzten oder sollte durch das Ausgasen von Methan gar der gesamte gebundene Kohlenstoff in die Atmosphäre gelangen, dann müssen wir langfristig mit einem Meeresspiegelanstieg von 66 Metern rechnen – das Ende der Zivilisation, wie wir sie kennen.

Letztlich werden die Inselstaaten früher oder später also mit ziemlicher Sicherheit versinken. Die Frage ist nur, wie viel bekommen wir davon mit? Bei einem Meeresspiegelanstieg von 0,5 Metern, der vermutlich deutlich vor 2100 eintreten wird, könnten sich die Schäden auf 35 Billionen US-Dollar belaufen – die größte Wirtschaftskrise der Geschichte.

Gleichzeitig gibt es natürlich auch noch andere Länder, die vom Meeresspiegelanstieg betroffen sein werden. In Ägypten würden etwa bei 0,5 Metern zwölf Millionen Menschen ihre Heimat verlieren, in Bangladesch 70 Millionen bei einem Meeresspiegelanstieg von einem Meter. Was dann passiert, überlasse ich eurer Fanatasie.

Fazit

Die Vorstellung, dass ganze Inseln rasch verschwinden, ist falsch, die meisten wachsen sogar. Dennoch sind bereits andere Inseln versunken und weitere werden versinken, Kiribati etwa wird vermutlich gänzlich von der Landkarte verschwinden. Ab einem Meeresspiegelanstieg von einem Meter könnten weitere Staaten gänzlich versinken.

Wir sehen, die Antwort ist leider nicht so einfach, wie es viele gerne hätten. Die Vorstellung, das beinahe alle Inseln rasch verschwinden ist genauso falsch wie die, dass die Inselstaaten aufgrund des Wachstums vieler Inseln nicht vorm Versinken bedroht sind.

Trotz dieser differenzierten und unaufgeregten Betrachtung darf man natürlich nicht vergessen, worüber man dabei spricht. Wir sprechen hier darüber, wie viele Menschen aufgrund unserer überheblichen Lebensweise ihre Heimat im Meer versinken sehen und wie viele Städte und Inseln von der Landkarte getilgt werden. Meiner Meinung nach ist das schon krass genug. Da braucht es keine falschen Stories zum Meeresspiegelanstieg.

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