Wochenendrebell

Weltverbesserung | Wissenschaft | Autismus | Groundhopping Podcast

Saturday, February 22, 2020

Ministerratskonferenz: ESA beschließt LOP-G, RIDER und HERA

Alle drei Jahre treffen sich die für Raumfahrt zuständigen Minister Europas und entwerfen Pläne für die Zukunft der europäischen Raumfahrt, koordiniert durch die Europäische Raumfahrtbehörde ESA. Im November 2019 in Sevilla war es wieder so weit und die Ministerratskonferenz arbeitete ihre Pläne aus. Sie sehen eine europäische Beteiligung an der Mondstation der USA, eine Asteroidenabwehrmission und einen eigenen europäischen Raumgleiter vor. Und mehr Geld für die Raumfahrt.

ESA jubelt über Rekordsumme

Zunächst die gute Nachricht. Der ESA, der europäischen Raumfahrtbehörde wird für die kommenden Jahre mehr Geld zur Verfügung stehen als jemals zuvor, nämlich 14,4 Milliarden Euro. Die ESA ist eigentlich ein ziemlich guter Spiegel für die Gesamtsituation Europas. Ein passendes Beispiel ist die Ariane 6, die neueste Rakete der ESA, die derzeit im Bau befindlich ist und 2014 beschlossen wurde. Denn obwohl eine gesamteuropäische Raumfahrtbehörde natürlich ein beispielloses Erfolgsprojekt ist, wiegt das nationale Denken auch dort schwer. Jedes Land möchte natürlich am liebsten jene Projekte, von dem die heimische Wirtschaft profitiert. Zum Zeitpunkt des Beschlusses der Ariane 6 war Europa mit der Ariane 5 Spitzenreiter im Satellitengeschäft. Doch bei der Ariane 6 verhaspelte man sich. Frankreich preferierte eine Flüssigkeitsrakete, denn der Großteil der französischen Raumfahrtindustrie ist dort verlagert. Deutschland, dessen Schwerpunkt auf Wasserstoffantrieben liegt, sah das selbstverständlich ganz anders. Die Ariane 6 wurde ein teurer Kompromiss mit einer Mischung aus Wasserstoff- und Flüssigkeitsantrieb. Absolut chancenlos gegen die Falcon-Raketen von SpaceX, die in Zwischenzeit den Markt übernommen haben. Ende 2020 soll sie nun zum ersten mal starten. Das einzig wirklich neue: Große Teile der Rakete werden im 3D-Drucker gefertigt, was die Kosten im Vergleich zum Vorgänger senken wird, aber nicht weit genug, um mit SpaceX konkurrieren zu können.

160 Millionen für Asteroidenabwehr

In der interplanetaren Raumfahrt sieht es etwas besser aus. Die ESA beteiligt sich mit stolzen 550 Millionen Euro an einer robotischen Mission zum Mars, die Proben von dort zurück zur Erde bringen soll. Aufgesammelt sollen diese schon vom Mars 2020 Rover werden, der – wer hätte es gedacht – im nächsten Jahr starten soll. Ebenfalls bewilligt wurde Hera, ebenfalls eine Kooperationsmission. 2021 soll die NASA eine Sonde zum erdnahen Asteroiden Didymos starten, der in 1,1 Kilometern Entfernung von einem kleinen Mond namens Didymoon umkreist wird. Diese Raumsonde soll dann als Projektil in Didymoon einschlagen. Plan ist, dass dieser Einschlag die Bahn von Didymoon um Didymos verändert und dadurch auch die Bahn von Didymos um die Sonne verändert wird. 2024 soll dann der europäische Part, Hera, starten und untersuchen, ob sich die Bahn des Asteroiden tatsächlich verändert hat. Dadurch soll bewiesen werden, dass die Menschheit im Zweifelsfall in der Lage wäre, die Bahn eines gefährlichen Asteroiden so zu verändern, dass er nicht mit der Erde kollidiert. 160 Millionen Euro genehmigt die ESA dafür, weitere 130 Millionen werden wohl noch folgen.

Weltraumschrott und Sonnenstürme

541 Millionen Euro, also 4,3% des Etats, wird die ESA für Sicherheitsmaßnahmen im All ausgeben. Darunter sind 90 Millionen für einen Frühwarnsatellit für Sonnenstürme, die gefährlich für Astronauten und Kommunikationssatelliten sein könnten. Dies reicht zunächst jedoch nur für die Instrumente, daher geht man von einem Start nicht vor 2026 aus. Eine weitere Gefahr für Kommunikationssatelliten ist Weltraumschrott, wogegen die ESA die Mission Adrios plant, ein Satellit, der Weltraumschrott aufsammeln und zurück auf die Erde bringen soll. 65 Millionen wurde dafür genehmigt, weitere 38 Millionen müssen folgen. Insgesamt ist die weniger als die ESA-Spitze für Sicherheitsprojekte erhofft hatte, daher werden alle diese Projekte erst in der zweiten Hälfte des nächsten Jahrzehnts starten können.

Eigener wiederverwendbarer Raumfrachter

Zudem soll Europa schon bald einen eigenen kostengünstigen Zugang zum Erdorbit haben, um dort unbemannt wissenschaftliche Experimente durchzuführen. Das Weltraumflugzeug RIDER weist Ähnlichkeiten mit dem Space Shuttle der NASA auf, ist jedoch kleiner, unbemannt und günstiger. Es soll an Firmen vermietet werden, die Experimente im All durchführen wollen und mindestens 6-mal wiederverwendet werden können. Insgesamt ein sehr wirtschaftliches und auch politisch durchdachtes Projekt. Und es sieht so aus, als würde es diesmal nicht scheitern, wie alle vorherigen Versuche, einen europäischen Raumgleiter zu entwerfen. Denn die Minister haben beschlossen, schon 2020 mit der Serienproduktion zu beginnen. Ich habe hier eine Animation der ESA dazu eingeblendet. Ich weiß ja nicht, aber ich finde, der RIDER erinnert sehr an die Ranger-Schiffe aus Interstellar…

Beteiligung am Gateway

Die größte Frage war in Sevilla aber eine andere. Es ging nämlich darum, ob und in welchem Umfang sich die ESA am Mondprogramm Artemis beteiligt, welches zum Ziel hat, Astronauten 2024 am Südpol des Mondes zu landen. Hier gibt es Positives zu vermelden. Zum einen konstruierte die ESA bereits das Service-Moduls des Orion-Raumschiffs, also den Antrieb und die Lebenserhaltungssysteme des Raumschiffes, welches die Menschen von der Erde zum Mond bringen soll. Ein weiteres Element ist das Gateway, eine Raumstation, die den Mond umkreist und in der Astronauten etwa drei Monate lang leben und arbeiten sollen. Für diese wird die ESA zwei Module herstellen. wofür mehrere 100 Millionen Euro eingeplant sind. Eines davon ist ein Wohnmodul, also ein Habitat für die Astronauten zum Leben und eines das ESRPIT-Modul, welches eine Möglichkeit zum Auftanken der Station bieten soll. Denn obwohl der Orbit der Station um den Mond sehr stabil ist, muss er dennoch Zeit für Zeit nachgebessert werden, damit die Station auf Kurs bleibt. Dafür könnten dann auch europäische Astronauten zum Mond fliegen und dort leben. Für die Landung auf dem Mond setzt die ESA auf ein eigenes Projekt. Mit 150 Millionen Euro wird ein Projekt gestartet, eine Raumfähre zu entwerfen, die Fracht vom Gateway auf die Mondoberfläche bringen soll.

Ein Neustart ist die Ministerratskonferenz also nicht, leider auch nicht für das Sorgenkind Ariane 6. Aber durch die üppigen Gelder ist sichergestellt, dass Europa beim Aufbruch in Richtung Mond und Mars nicht den Anschluss verliert und zudem mehr Souveränität im All verliehen bekommt.

Show More

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.