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Thursday, April 9, 2020

Das Sonnensegel: Die Geschichte einer Idee

Können wir das Weltall erobern, indem wir auf dem Sonnenwind zu fernen Planeten segeln, so wie einst unsere Vorfahren zu fernen Kontinenten segelten? Diese Idee verfolgt das Konzept des Sonnensegels, eine innovative alternative Antriebstechnologie in der Raumfahrt. In diesem Artikel möchte ich die Geschichte und die Funktionsweise des Sonnensegels erklären und anschließend die tatsächlichen Pläne und Möglichkeiten vorstellen.

Physikalische Grundlagen

Die Grundlage des Konzepts des Sonnensegels ist die Theorie der elektromagnetischen Felder und der Strahlung, die der schottische Physiker James Clerk Maxwell aufstellte. Dort postuliert er, dass Licht einen Impuls hat und somit Druck auf Objekte ausüben kann. So ungefähr funktioniert auch das Sonnensegel. Aus der Analogie des Segelschiffs, das durch den Wind angetrieben wird, entstand der Irrtum, ein Sonnensegel würde durch den Sonnenwind angetrieben. Doch der Sonnenwind besteht aus geladenen Teilchen, Elektronen und Protonen, nicht aus Licht.

Ein Sonnensegel wird durch die normale Sonnenstrahlung angetrieben, welche aus Photonen besteht. Diese Photonen haben zwar keine Masse, aber sie haben einen Impuls. Die Oberfläche des Segels reflektiert einen Großteil der Photonen (ein so reflexives Segel zu bauen ist eine der technischen Schwierigkeiten), die dabei Impuls abgeben. Dieser Impuls verleiht dem Segel einen Schub, der es bewegt. Die Idee, sich durch die Sonnenstrahlung im All fortzubewegen ist mehrere hundert Jahre alt und geht auf eine recht banale Tatsache zurück – den Schweif von Kometen.

Visionen der Vorzeit

Im frühen 17. Jahrhundert beobachtete der Astronom Johannes Kepler die Bewegung von Kometen und erkannte, dass der Schweif der Kometen, die Koma, immer in entgegengesetzte Richtung der Sonne zeigt. Er vermutete, dass die Sonne selbst dafür verantwortlich sei, indem sie mit ihrem Strahlungsdruck gegen den Kometen „drücke“ und den Schweif so nach hinten ziehe wie der Wind den Rauch einer Kerze nach hinten zieht. Damit war er der erste, der postulierte, dass der Strahlungsdruck der Sonne einen Einfluss auf materielle Objekte haben kann.

Womöglich inspiriert von seiner Beobachtung (obwohl der die Arbeit selbst zu diesem Zeitpunkt noch nicht publiziert hat) schrieb er an seinen Zeitgenossen Galileo Galilei. In diesem Brief befindet sich die früheste Erwähnung der Raumfahrt überhaupt und ebenfalls eine Anspielung auf das Konzept des Sonnensegels. So schrieb er:

„Stellen Sie Schiffe oder Segel bereit, die an die himmlische Brise angepasst sind, und es wird einige geben, die selbst dieser Leere trotzen.“

Damit meinte er, dass in ferner Zukunft, wenn es Fahrzeuge gibt, die die himmlische Briese, also die Sonnenstrahlung, nutzen können, der Mensch ins All fliegen wird. In allen spätmittelalterlichen Vorstellungen war es also bereits das Licht, welches dem Menschen das Reisen durch das All ermöglichen wird. Natürlich wurden Keplers Vorstellungen zu diesem Zeitpunkt als Fantastereien abgetan und nicht ernst genommen. Die Geschichte sollte ihm Recht geben.

Kurz nachdem Maxwell seine Theorie der elektromagnetischen Felder veröffentlichte schrieb auch der berühmte Autor Jules Verne in seinem Roman Von der Erde zum Mond folgende Worte:

„Es wird eines Tages Geschwindigkeiten geben, die viel größer sind als diese [der Planeten und des Projektils, in dem die Astronauten im Roman zum Mond fliegen], deren mechanischer Wirkstoff wahrscheinlich Licht oder Elektrizität sein wird…“

Damit erwähnte er in seinem Roman ebenfalls Raumschiffe, die durch das Licht angetrieben werden.

Da die Vorstellung, dass Licht Objekte bewegen kann durch Maxwell bewiesen war, machten sich auch wissenschaftlichen Theorien diese Tatsache zu nutze. So erschien 1908 eine Arbeit, die postulierte, der Strahlungsdruck könnte organische Moleküle zwischen den Sternen verteilen und so Leben durch das Universum verbreiten, eine Version der Panspermie.

Auch als die Raumfahrt im frühen 20. Jahrhundert erste konkrete Züge annahm war die Idee, den Strahlungsdruck zu nutzen allgegenwärtig. So sagte Konstantin Ziolkowski, der durch seine Raketengleichungen als der Vater der Raumfahrt gilt, man könnte riesige extrem dünne Spiegel verwenden, um:

„den Druck des Sonnenlichts zu nutzen, um kosmische Geschwindigkeit zu erreichen.“

Ein anderer Vordenker der Raumfahrt war John Bernal, der riesige Raumstationen vorschlug, die rotieren würden, um künstliche Gravitation zu erzeugen und 20.000 bis 30.000 Menschen eine permanente Heimat böten. Auch er sagte, es könne eine Form des Antriebs entwickelt werden, die die Wirkung der Sonnenstrahlen nutzt.

Alles in einem sind alle Vorstellungen, die aus dem späten Mittelalter oder der Renaissance kommen natürlich Weiterentwicklungen aus damals schon existenten Technologien. Man sagte keinen Hall- oder Ionenantrieb vorher, weil man Ionen nicht kannte. Segel kannte man nicht nur, sie hatten auch eine kulturelle Bedeutung von Aufbruch und Abenteuer. Daher übertrug man dieses System auf das All. Womöglich entstand aus diesem Grund das Konzept des Sonnensegels, wie es heute angewandt wird.

Das Sonnensegel im Raumfahrtzeitalter

Tatsächlich hat das Prinzip des Sonnensegels von der ersten Sekunde der Raumfahrt an eine Rolle gespielt. Denn auch auf Sonden, die kein Segel nutzen, wirkt die Sonnenstrahlung natürlich ein, nur schwächer. Würde man keine Kurskorrekturen vornehmen und die Sonnenstrahlung einberechnen, würde eine Sonde auf dem Flug zum Mars durch den Druck der Sonnenstrahlung mehrere tausend Kilometer vom Kurs abkommen.

Die erste ernsthafte Planung einer Mission mit einem Sonnensegel als Antrieb war 1976. Richard MacNeal schlug ein zwölfzackiges Sonnensegel vor, das rotiert. Das Jet Propulsion Laboratory wollte gemeinsam mit MacNeal ein unbemanntes Sonnensegel entwerfen, welches ein Rendezvous mit dem Halleyschen Kometen wagt. Mit chemischen Raketen lag dies außerhalb des Möglichen. Doch die Mission galt als zu gewagt. Wäre sie gescheitert, hätte dies weitreichende Folgen für das gesamte unbemannte Forschungsprogramm der NASA gehabt, daher wurde die Mission nicht realisiert.

Versuche im Erdorbit

Die erste Anwendung des Prinzips eines Sonnensegels im All ließ daher noch bis 1993 auf sich warten. Die russische Raumfahrtbehörde Roskosmos wollte mit reflexiven Segeln im Erdorbit nordrussische Städte erhellen, in denen es im Winter rund um die Uhr dunkel ist. Von der Raumstation Mir entfaltete man zu Testzwecken daher ein Segel mit einem Durchmesser von 20 Metern, beim Ausfalten kam es jedoch zu Fehlern, sodass es nur als Teilerfolg betrachtet werden kann. Tatsächlich war die Reflexion aber in weiten Teilen Europas zu sehen.

Inzwischen zieht die chinesische Regierung ein solches Projekt in Erwägung. Ansonsten gab es lange nur Tests am Boden oder im suborbitalen Raum, etwa vom DLR, der NASA oder der JAXA. Raumsonden mit Sonnensegel rückten in weite Ferne.

Interplanetare Mission zur Venus

Schließlich machte die japanische Raumfahrtbehörde JAXA das Sonnensegel zu ihrer Domäne. Ihr Ziel: Eine Raumsonde mit Sonnensegel zur Venus fliegen. Tatsächlich gelang der Raumsonde IKAROS, die 2010 startete, das Entfalten des Sonnensegels im All und der Vorbeiflug an der Venus. Der gemessene Schub lag in der Größenordnung von Millinewton, eine Milliarde mal schwächer als bei einem Space Shuttle. Doch anders als bei einem Space Shuttle drückt das Sonnenlicht das Segel permanent nach vorne und lässt es so kontinuierlich schneller werden. Dadurch kann mit viel geringerem Schub eine viel höhere Geschwindigkeit erreicht werden.

Die Raumsonde zeigte, dass der Strahlungsdruck der Sonne sie nicht nur antreibt, sondern auch ungewollt in eine Spiralbewegung zwingt. Dies ist eine wertvolle Erkenntnis für zukünftige Sonnensegel-Missionen. Aber IKAROS war auch der Beweis, dass man mit einem Sonnensegel tatsächlich zu den Planeten fliegen kann, so wie es Jules Verne fast 150 Jahre vorher vorhersagte.

Von der Atom-Euphorie zum Sonnensegel

Wie lange es dauern wird, bis das Sonnensegel tatsächlich der Standardantrieb für Raumsonden ist, kann man nicht absehen. Schon zu viele vielversprechende Projekte der alternativen Antriebstechnologien wurden aus fadenscheinigen Gründen fallen gelassen. So wurden in den 50ern und 60ern des 20. Jahrhundert de nukleare Antriebe als Zukunft der Raumfahrt gehandelt. Man sah Autos, Züge und sogar Staubsauger mit Atomantrieb. Es gab auch erste vielversprechende Tests von Atomantrieben für die Raumfahrt und der Antrieb würde schon mit damaliger Technik interstellare Reisen ermöglichen.

In geheimen Labors gab es Prototypen, die vielversprechende Ergebnisse zeigten, ein Testsatellit mit Atomantrieb flog sogar in den Erdorbit. Geplant war eine neue Generation an Raumsonden. Eine davon sollte 26 Tonnen wiegen, zum Jupiter fliegen und mit einem Lander nach Lebewesen in den subglazialen Ozeanen von Jupiters Monden suchen. Doch die Atomantriebe waren irgendwann politisch geächtet und das Programm wurde auf unbestimmte Zeit verschoben.

Der Near-Earth Asteroid Scout

Die Sonnensegel haben weniger Nachteile als der Atomantrieb, zumindest bezüglich Sicherheit und Ökologie. Daher setzen viele Raumfahrtbehörden in Zukunft darauf. Wenn die NASA 2021 ihr Orion-Raumschiff erstmals testet, mit dem Menschen zum Mond zurückkehren sollen, dann wird der NEA Scout an Bord sein, einer kleine Raumsonde, die den Start als “Mitfahrgelegenheit” nutzt. NEA Scout steht für Near-Earth Asteroid Scout. Der NEA Scout wird sich mit kleinen Gasschüben vom Mond aus in den interplanetaren Raum katapultieren.

Dort soll er dann ein Sonnensegel entfalten und sich damit auf die dreijährige Reise zum erdnahen Asteroiden 1991 VG begeben. Seit langem rätseln Wissenschaftler, um was für ein Objekt es sich dabei handelt. Er ist nur zehn bis zwanzig Meter groß, aber vermutlich natürlichen Ursprungs. Womöglich ist es ein Stück des Mondes, das bei einem Einschlag ins All katapultiert wurde, jedoch wird auch immer wieder über eine Raketenstufe oder sogar eine außerirdische Raumsonde spekuliert. Was auch immer, 2024 werden wir es erfahren. Hauptzweck dieser Mission ist jedoch eigentlich die Erprobung des Sonnensegels auf einer interplanetaren Mission.

Die OKEANOS-Mission zum Jupiter

Natürlich plant die JAXA nach ihrem Erfolg mit IKAROS eine Nachfolgemission, die jedoch um Größenordnungen komplexer sein wird. Ein Sonnensegel mit einer Seitenlänge von 50 Metern soll zum Jupiter fliegen. Dabei soll es zu den sogenannten Trojaner-Asteroiden fliegen, die Jupiter 60° vor und 60° nach ihm auf seiner Bahn begleiten. Die Raumsonde soll womöglich sogar einen Lander mitnehmen, der auf einem der Trojaner landet und Gestein mit zur Erde bringt.

Die Rückkehrkapsel könnte dann in den 2050er Jahren hier ankommen. Womöglich belässt man es auch bei einem “einfachen” Flug zum Jupiter, wenn man beachtet, dass dieses Sonnensegel zehnmal größer ist als das von IKAROS, ist diese Leistung aber auch schon beeindruckend genug.

Polar-Satelliten und Sonnenobservatorien

In den nächsten Jahren werden also weitere Raumsonden mit Sonnensegeln durch unser Sonnensystem reisen. Doch die Einsatzmöglichkeiten des Sonnensegels gehen noch viel weiter. Bisher ist es kaum oder nur mit immensem Aufwand möglich, Satelliten in eine polare Umlaufbahn um die Erde zu bringen. Könnten wir dies einfacher umsetzen, wäre eine bessere Versorgung beispielsweise von Forschungsstationen in der Arktis und der Antarktis möglich. Wir könnten Gebiete auf der Erde bewohnen und mit bisher ungeahnter Intensivität erforschen, die bisher kaum versorgt werden können und auch genauere Daten zur Klimaforschung sammeln.

Zudem wird es im geostationären Orbit um die Erde langsam voll, das ist der Bereich, in dem die Satelliten die Erde mit derselben Geschwindigkeit umkreisen, wie sie selbst. Das führt dazu, dass ein Satellit im geostationären Orbit scheinbar immer an derselben Position am Himmel steht, was notwendig für TV-Satelliten ist – schließlich will man die Satellitenschüssel ja nicht ständig neu ausrichten.

Ein geostationärer Orbit ist allerdings nur in einem Ring von 36.000 Kilometern Entfernung über dem Äquator möglich. Bereits momentan hat ein Satellit in diesem Bereich lediglich einen Kasten von 75 x 75 Kilometern Platz, um keine anderen Satelliten zu stören, in Zukunft wird es dort noch viel enger werden.

Könnten wir die Bahnen um einige Kilometer nach oben oder unten verschieben, sodass die Satelliten nicht mehr um den Erdmittelpunkt kreisen, hätten wir viel mehr Platz. Schon zehn bis 50 Kilometer nördlich oder südlich des Äquators würden uns ganz neue Möglichkeiten verschaffen. Ein Sonnensegel könnte das bewerkstelligen, wie Tests im Erdorbit zeigen und in Kombination mit einem Ionenantrieb wären noch viel größere Verschiebungen möglich.

Doch auch ein Sonnenobservatorium im All zur besseren Vorhersage von Sonnenstürmen wäre möglich. Damit könnten wir unser Frühwarnsystem erheblich verbessern und uns auf starke Eruptionen vorbereiten.

Versorgung von Raumkolonien

Die Möglichkeiten gehen noch weiter, auch in der bemannten Raumfahrt gibt es Einsatzbereiche. Zwar ist das Sonnensegel derzeit nicht für den Transport von Menschen gedacht, denn dafür müsste es noch viel größer sein, aber die Versorgung von Basen auf fremden Planeten ließe sich um ein vielfaches günstiger gestalten, wenn man keinen Treibstoff mitführen müsste. Ein regelmäßiger Verkehr zwischen Erde, Mond und Mars innerhalb weniger Stunden oder Tage wäre möglich.

Die Sonne als Teleskop?

Auch in der Astronomie beschert ein Sonnensegel uns ganz neue Möglichkeiten. So wären unbemannten Forschungssonden denkbar, die den umliegenden interstellaren Raum erforschen, etwa bis in 1.000 Astronomische Einheiten. So ließe sich die sogenannte Heliopause erforschen, die Zone, an der der Sonnenwind auf die interstellare Strahlung trifft.

Auch weit außen liegende Zergplaneten wie Quaoar, Eris oder Sedna wären erreichbar. Und wenn man das Sonnensegel in großer Nähe zur Sonne platziert und dann entfaltet, sind selbst die inneren Ausläufer der Oortschen Wolke nur 30 Jahre entfernt. Dort warten Billionen von Kometen und vielleicht auch einige ausgewachsene Planeten auf uns.

Doch es gibt da draußen noch viel mehr zu erforschen. In etwa 550 Astronomischen Einheiten liegt der sogenannte Gravitationslinsenpunkt. In dieser Entfernung bündelt die Sonne durch ihre Gravitation das Licht weit entfernter Objekte, so wie Einstein es in seiner Relativitätstheorie vorhersagte. Er dachte damals, man würde dieses Phänomen vermutlich nie beobachten können, doch heute ist es ein fester Bestandteil astronomischer Forschung, zum Beispiel der Entdeckung von Exoplaneten.

Ein Teleskop, welches man in dieser Entfernung platziert, kann die Sonne als Linse verwenden. Das würde Dinge ermöglichen, die wir uns heute nicht einmal erträumen können. Wir könnten Details auf fernen Exoplaneten erkennen, die so groß sind wie der Central Park. Damit könnten wir nicht nur außerirdisches Leben finden, sondern sogar die Geographie fremder Planeten erforschen und Landkarten erstellen.

Sollte es dort intelligentes Leben geben, könnten wir ihre Städte und Straßen sehen. Doch um diesen Gravitationslinsenpunkt an annehmbarer Zeit zu erreichen, müsste das Sonnensegel in etwa 0,1 Astronomischen Einheiten Entfernung zur Sonne platziert werden, dann würde es sechseinhalb Jahre benötigen.

Interstellare Missionen mit Lasersegel

Das Projekt Starshot geht noch etwas weiter. Anstatt Exoplaneten nur zu beobachten, wollen wir direkt zu ihnen fliegen und sie vor Ort erforschen. Im Gegensatz zu vielen anderen Entwürfen für Interstellare Reisen ist es Ziel des Projekts, eine Machbarkeitsstudie für einen solchen Flug zu entwickeln, der ohne technologische Neuentwicklungen oder gar ungewisse zukünftige Techniken funktioniert, es sollen nur bereits vorhandene Technologien weiterentwickelt werden.

Die Grundidee ist auch hier ein gigantisches Sonnensegel. Doch natürlich gibt es ein Problem: Ein Sonnensegel funktioniert mit dem Strahlungsdruck der Sonne und der ist im interstellaren Raum natürlich Mangelware.

Das Sonnensegel kann also nur in der Nähe der Sonne beschleunigen und der dadurch generierte Schub reicht für den Flug zu unserem nächsten Stern, Proxima Centauri, in einer annehmbaren Zeit nicht aus. Daher soll das Konzept des Sonnensegels zum Lasersegel weiterentwickelt werden. Mehrere extrem leistungsstarke Gigawatt-Laser würden auf ein großes dünnes Segel aus Graphen zielen und es etwa zehn Minuten lang beschleunigen. Viel länger geht es nicht, denn dann ist das Segel bereits so weit entfernt, dass der Laser zu weit gestreut wird.

Das ist aber auch kein Problem, denn bei einem Segel, das groß genug ist, reichen diese zehn Minuten aus, um es auf zehn Prozent bis ein Drittel der Lichtgeschwindigkeit zu beschleunigen. In einigen Jahrzehnten wäre Proxima Centauri erreicht und vier Jahre später hätten wir auf der Erde erste Bilder des Proxima-Centauri-Systems und seiner Exoplaneten. Doch so einfach wie das klingt, ist es nicht. (Naja, so einfach klingt es auch meiner Meinung gar nicht, ich wollte nur die populäre Redewendung bemühen…)

Technologische Hürden

Tatsächlich verstößt das Starshot-Konzept gegen keine Naturgesetze und es vertraut auch nicht auf zukünftige Erfindungen oder Neuentwicklungen. Dennoch gibt es noch Hürden, die überwunden werden müssen und können. Die erste ist natürlich der Laser. Der Energieaufwand ist wirklich enorm, doch das ist eher ein wirtschaftliches als ein wissenschaftliches oder technologisches Problem.

Mit einigen Kraftwerken könnte genug Strom produziert werden, um die Laser zu speisen. Doch diese riesigen Laser müssten durch unsere Atmosphäre auf das Segel zielen. Zum einen wird der Laserstrahl dadurch gestreut und verliert an Effizienz, doch das ist verkraftbar. Zum anderen wissen wir aber auch nicht, wie sich so viel gebündelte Energie auf die Atmosphäre auswirkt, vielleicht hinterlässt sie dort nachhaltige Schäden.

Eine Lösung wäre es, die Laser auf dem Mond zu platzieren. Die neue Superrakete der NASA, das SLS, könnte die Komponenten des Lasers in mehreren Flügen zum Mond bringen, Astronauten könnten sie dort zusammenbauen. Da der Mond keine Atmosphäre hat, würde dort auch der Streueffekt wegfallen.

Zudem ist die Flugzeit so lang, dass mit recht großer Wahrscheinlichkeit einige Komponenten der Sonde versagen würden. Ein gutes Beispiel dafür ist die interstellare Sonde Voyager 1, das menschengemachte Objekt, das den Sternen bisher am nächsten ist. Sie fliegt jetzt seit über 40 Jahren und steht noch immer mit uns in Kontakt, allerdings sind von ihren elf Instrumenten nur noch drei uneingeschränkt funktionsfähig.

Das ist für eine interstellare Sonde, die ihr Ziel zu diesem Zeitpunkt erst erreicht, natürlich keine gute Bilanz. Vor allem missionskritische Bestandteile, also Bauteile für die Kommunikation zur Erde oder das Sammeln von Daten müssen mehrfach eingebaut werden, sodass eines davon versagen kann, ohne dass die Mission scheitert. Dennoch darf die Sonde nicht viel mehr als 100 Gramm wiegen. Aber das hat wenig mit dem Antrieb Sonnensegel zutun, der allein wäre in wenigen Jahren zu entwickeln.

Bremsen mit dem Sonnensegel

Wenn man Proxima Centauri erreicht hat, wäre die Zone der Planeten jedoch in wenigen Minuten durchquert, man könnte nur ein paar hastige Bilder aufnehmen. Möchte man das System genauer erforschen, in den Orbit eines Planeten eintreten oder sogar dort landen, muss man bremsen. Doch auch das ist mit einem Sonnensegel möglich. Die Voyager-Sonden entdeckten an der Grenze zum interstellaren Raum eine sogenannte Schockfront.

An diesem Punkt sinkt die Geschwindigkeit des Sonnenwindes unter die Schallgeschwindigkeit, das bedeutet Dichteschwankungen und Störungen des Plasmas bewegen sich dort schneller fort als der Sonnenwind selbst. Das führt dazu, dass der Sonnenwind abrupt abgebremst und durch das interstellare Medium beeinflusst wird. Diese Front kann ein Sonnensegel abbremsen. Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass das Alpha Centauri-System nicht auch eine Schockfront hat.

Allerdings ist die Bremswirkung der Schockfront und des Sonnenwinds des Alpha Centauri-Systems begrenzt. Eine Raumsonde mit 20% der Lichtgeschwindigkeit oder mehr kann dadurch nicht merklich abgebremst werden. Möchte man bremsen, muss man also Kompromisse machen und darf nicht so schnell fliegen, nur mit etwa 4,6% der Lichtgeschwindigkeit, womit die Sonde etwa 100 Jahre unterwegs wäre.

Dann könnte sie sich Proxima Centauri auf nur vier Millionen Kilometer annähern und für den Weiterflug zu den Planeten Swing-by-Manöver nutzen. Ein Weiterflug zur Alpha Centauri wäre dann aber schwierig und würde weitere 40 Jahre dauern. Die Ankunft bei einem fremden Sternsystem wird also wahrscheinlich niemand mehr erleben, der heute lebt, den Start allerdings womöglich schon.

Fazit

Das Sonnensegel ist der neue Atomantrieb, die Zukunft der Raumfahrt. Bereits in wenigen Jahren werden weitere Raumsonden mit Sonnensegeln starten, umfangreichere Missionen sind im Laufe dieses Jahrzehnts denkbar. Interstellare Missionen werden jedoch noch einige Jahrzehnte brauchen, die NASA zieht einen Start im Jahr 2069 in Erwägung. Das ist realistisch, wenn auch ambitioniert.

Ziel Minimale Flugzeit in Jahren
Jupiter 2
Saturn 3,3
Uranus (Mein Beileid für den Namen) 5,8
Neptun 8,5
Heliopause (mit sonnennahem Start) 2,5
Gravitationslinsenpunkt (mit sonnennahem Start) 6,5
Oortsche Wolke (mit sonnennahem Start) 30
Proxima Centauri (mit Lasersegel) 40
Sirius (mit Lasersegel) 68,9
Wega (mit Lasersegel) 167,39
Epsilon Eridani (mit Lasersegel) 363,35

Wie man hier sieht, verkürzen sich die Flugzeiten mit der bereits vorhandenen einfachen Version des Sonnensegels, wie etwa bei IKAROS kaum, allerdings erhöht sich in einigen Konstellationen die Nutzlastkapazität, es können also größere und komplexere Raumsonden gebaut werden. Doch bereits ein sonnennaher Start führt zu massiven Zeiteinsparungen, diese Geschwindigkeit würde uns die Eroberung des kompletten Sonnensystems ermöglichen, jeder Punkt im inneren Sonnensystem wäre in einigen Wochen erreichbar, jeder Punkt im äußeren Sonnensystem in Monaten.

Das Lasersegel wiederum erreicht signifikante Bruchteile der Lichtgeschwindigkeit, es ist mit dem Atomantrieb derzeit der vielversprechendste Ansatz für interstellare Reisen. Ich bin mir mittlerweile recht sicher, schon bald wird uns die himmlische Brise in Welten befördern, die wir uns heute noch nicht einmal vorstellen können.

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