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Friday, April 23, 2021

9500 HE: Demokratie und Wissenschaft

9500 he: demokratie und wissenschaft

Westliche Kultur, westliche Werte – diese Begriffe hört man heute des öfteren aus der Politik. Doch während des absoluten Großteils der Geschichte spielte die Musik woanders: In Mesopotamien, China oder Südamerika. Während man am Arabischen Meer Felder mit Kanälen bewässerte, jagte man in Mitteleuropa noch mit Pfeil und Bogen. Erst gegen 9500 HE entstand das, was wir westliche Kultur nennen – aber nicht unbedingt im Westen.

Die erste Demokratie der Welt

Kaum etwas ist uns wichtiger als die Demokratie – zurecht! Keine Gesellschaftsform garantiert Menschenrechte, Gleichheit und Teilhabe besser, auch wenn wir heute wieder in einer Zeit leben, in der dies auch bei uns öffentlich in Zweifel gestellt wird. So selbstverständlich es heute auch sein mag, die Demokratie ist eine ziemlich neue Erfindung.

Die meisten wissen, dass der Ursprung der Demokratie im griechischen Stadtstaat Attika mit der Hauptstadt Athen lag. Es begann mit einer radikalen Verzweiflungstat: Athen befand sich durch große sozialen Missstände mitten in einer Krise als der in der Aristokratie zu politischem Einfluss gekommene Staatsmann Solon die Macht des Adels mit weitgehenden Reformen durchbrach. Die verarmten Bauern wurden ihre Schulden erlassen, wodurch sie aus der Knechtschaft befreit wurden.

Jede*r attische Bürger*in musste von nun an alle Einkünfte offenlegen und wurde anhand derer in eine von vier Vermögensklassen eingeteilt, anhand der sich die politischen Rechte bestimmten. Reichere waren zwar immer noch einflussreicher, aber wenigstens herrschten jetzt nicht mehr nur einzelne adelige Familien, sondern auch niedere Klassen erhielten einige politische und wirtschaftliche Privilegien.

In den Jahren 9493 und 9494 HE wurden durch den griechischen Staatsmann Perikles schließlich alle Abhängigkeiten vom sozialen Status aufgebrochen. Seine Vision war bahnbrechend.

„Die Demokratie darf die Staatsmacht nicht einer Minderheit, sondern nur dem ganzen Volke anvertrauen. Die Gleichheit aller vor dem Gesetze bedingt, daß alle Mitbürger die gleichen Rechte genießen, daß kein Volksteil seine Sonderinteressen auf Kosten der übrigen Bürger durchzusetzen versucht.“

Perikles

Tatsächlich würdigen viele Historiker*innen die attische Demokratie als erstaunlich emanzipiert. Das wichtigste Organ war die sogenannte Volksversammlung und hier konnte tatsächlich jeder Vollbürger hingehen und über jene Anträge abstimmen, die vom Rat der 500, in dem die verschiedenen Siedlungen Attikas (Demen) ihrem Bevölkerungsanteil entsprechend vertreten waren. Die Vertreter der Demen im Rat wurden per Los bestimmt. Dieses Maß an direkter Demokratie wurde nie wieder erreicht.

Natürlich gibt es hier ein großes ABER, bzw. gleich mehrere davon. Demokratie besteht aus mehr als nur der Herrschaft der Mehrheit, dazu gehören auch Minderheitenschutz, Gewaltentrennung und Menschenrechte. In der attischen Demokratie sucht man vieles davon jedoch vergeblich. Der Macht der Volksversammlung waren kaum Grenzen gesetzt, Rechtsprechung gab es zwar, allerdings überlappte sie sich personell mit der Volksversammlung und stimmberechtigt waren überhaupt nur freie Männer, deren Eltern bereits attische Bürger*innen waren. Das waren etwa 30.000 der 300.000 attischen Bürger*innen.

„Man darf mir nicht die Demokratie von Athen entgegenhalten, weil Athen eben keine Demokratie war, sondern eine Tyrannische Aristokratie, die von Gelehrten und Rednern geleitet wurden.“

Jean-Jacques Rousseau

Nicht ganz unberechtigt wird daher oft kritisiert, die attische Demokratie sei lediglich eine bessere Aristokratie gewesen. Leider bekam sie nie die Chance, sich weiterzuentwickeln, denn mit der Niederlage Athens gegen Sparta im Peloponnesischen Krieg ging auch die attische Demokratie zu Ende – aber nicht die Idee, deren Machbarkeit sie bewies. Zum Glück kehrte die Demokratie zurück, und zwar vollkommener und aus den frühen Erfahrungen gereift. Rückblickend war die Implementierung der ersten Demokratie daher ein wahrhaft bedeutender Schritt.

Europa wächst zusammen

Tatsächlich gibt es einen Grund, weshalb wir Europa heute untrennbar mit dem Ideal der Demokratie verbinden, obwohl dies heute leider keine universelle Geltung mehr hat. Dafür muss man etwas über Europa wissen: Europa ist kein echter Kontinent. Ein Außerirdischer, der einfach nur die Geografie der Erde betrachtet, käme nicht auf die Idee, Europa und Asien gedanklich zu trennen. Die Grenzen Europas sind willkürlich gezogen und die kulturellen Gemeinsamkeiten zwischen zwei europäischen Kulturen waren meist nicht größer als die zwischen zwei anderen. Ein Europa gab es nicht.

Dies änderte sich im Jahr 9501 HE, denn in diesem Jahr begannen die sogenannten Persischen Kriege. Persien war eine absolute Großmacht, einige sprechen vom größten Reich aller Zeiten. Es machte fast 45% der Weltbevölkerung aus und erstreckte sich von Pakistan bis nach Bulgarien. Unter den Königen Dareios I. und Xerxes I. unternahm das Perserreich den Versuch, auch Griechenland durch eine Invasion in das Reich zu integrieren.

Griechenland bestand damals aus unzähligen zerstückelten Stadtstaaten, die total damit beschäftigt waren, sich gegenseitig die Köpfte einzuschlagen. Doch um sich vor der drohenden Gefahr zu schützen, schlossen sich über 30 verschiedene Stadtstaaten unter Führung der Erzfeinde Attika und Sparta zusammen und ließen die Invasion scheitern. Viele Historiker*innen deuten dieses Bündnis als Stunde null der europäischen Einigung. Nach dem Sieg der Griechen triumphierte die Demokratie in Attika.

Natürlich wird dieser Krieg oft von Nazis missbraucht, um die Überlegenheit des “freien Abendlandes” gegenüber “feindlichen Invasoren” aus Persien auszudrücken. Dies ist natürlich auf verschiedenen Ebenen Unsinn – Persien war Griechenland kulturell weit überlegen, nur einer der Stadtstaaten führte danach eine lückenhafte Demokratie ein und die ging zugrunde, weil die Stadtstaaten dann doch beschlossen, wieder zum Köpfeeinschlagen zurückzukehren. Die Nachwirkung der Niederlage Persiens ist jedoch unumstritten.

Wissenschaft und Philosophie

Neben der Demokratie gibt es ein weiteres Schlagwort das heute mit dem Westen verbunden wird: Aufklärung. Auch hier ist auf die heutige Zeit bezogen sicherlich ein dickes Fragezeichen angemessen. Tatsächlich begann um 9500 HE jedoch eine Phase, in der man zumindest anfing, die richtigen Fragen zu stellen – auch wenn eine experimentelle Beantwortung in den wenigsten Fällen möglich war.

Die Trennung zwischen Wissenschaft und Philosophie war damals noch gar nicht wirklich vorhanden. Alles war Gegenstand der Philosophie: Vom Ursprung des Universums über die Frage der Existenz von Atomen bis zum glücklichen Leben und der Erziehung der Jugend. Schließlich gab es kaum wissenschaftliche Wege, sich solchen Fragen zu nähern. Überwiegend war diese Zeit jedoch von der Naturphilosophie geprägt, erst später rückte man vermehrt den Menschen in den Mittelpunkt.

Für die damalige Zeit waren die Leistungen der Naturphilosophie, die schon damals erbracht wurden, jedoch mehr als beeindruckend:

  • Alle Phänomene sind durch das Verhalten von Teilchen im Vakuum, den Atomen, erklärbar.
  • Die Milchstraße ist eine Ansammlung von Sternen.
  • Die Erde ist eine Kugel mit einem Umfang von etwa 50.000 Kilometern (tatsächlich sind es ca. 40.000 Kilometer).
  • Der Mensch stammt aus dem Tierreich ab.
  • Der Auftrieb eines Körpers in einer Flüssigkeit entspricht dem Gewicht der verdrängten Flüssigkeit.
  • Es gibt unendlich viele Primzahlen.

Einige Überlegungen waren sogar experimentell überprüft. Eratosthenes berechnete mittels eines komplexen wissenschaftlichen Aufbaus etwa den Erdumfang und Thales gelang durch Himmelsbeobachtung die korrekte Vorhersage einer Sonnenfinsternis. Bei aller Würdigung muss allerdings auch berücksichtigt werden, dass nicht alles, was der griechischen Naturphilosophie zugeschrieben wird, auch dort zuerst entwickelt wurde.

Der berühmte Satz des Pythagoras war etwa schon in Babylonien und China bekannt – vermutlich vermittelte Pythagoras ihn lediglich in Europa oder er lieferte den mathematischen Beweis für das Prinzip, welches im Orient vor allem praktisch angewandt wurde. Und auch der legendäre Kong Qiu (latinisiert bekannt als Konfuzius) lebte zu dieser Zeit. Seine Lehren, die moralisches Handeln an die Spitze setzen und Strafen sowie Anreizen eine untergeordnete Rolle zuweisen, prägen bis heute die Weltanschauungen, die Erziehung sowie die Politik in Ostasien – sowie es die griechischen und römischen Gelehrten in Europa tun.

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